Die Wangen eingefallen, der Kopf kahl.
Meine Mom
sitzt aufrecht in ihrem Bett, Melinda an sich gedrückt, und lächelt, als ich
mich durch die Tür schiebe. Ihre Augen leuchten immer noch. Trotz der Chemo,
trotz der Angst, trotz der ganzen Krankheit.
Ich denke
oft darüber nach, ob Mom überhaupt Angst hat. Angst vor dem Sterben. Ob sie
sich fragt, wie es sein wird. Ob sie nachts manchmal weint, wenn all diese
Gedanken über sie hereinbrechen.
Ich setze mich auf einen Stuhl, der neben ihrem Bett steht, und falte die Hände in meinem Schoß.
Ich setze mich auf einen Stuhl, der neben ihrem Bett steht, und falte die Hände in meinem Schoß.
»Hallo
Toni«, sagt Mom.
»Wie
geht’s dir, Mom? Was sagen die Ärzte?«
Ich
erwarte, dass sie meinem Blick ausweicht. Aber sie hält stand.
»Macht’s
euch was aus, uns beide mal kurz allein zu lassen?«, fragt sie an Jim gewandt.
Er
schüttelt den Kopf und streckt meiner Schwester die Hand entgegen.
»Bis
nachher, Mom«, Melinda winkt und verschwindet mit Jim aus dem Zimmer.
Eine
kurze Zeit sagen wir beide gar nichts. Meine Mom schaut mich einfach nur an.
Mustert mich. Überlegt vielleicht, wie viel meines Lebens sie wirklich verpasst
hat und verpassen wird.
»Ich
glaube, du weißt es schon, oder?«
Ich nicke
langsam.
»Woher?«,
ihre Stimme zittert.
Ich
räuspere mich und hebe den Kopf.
»Per
Mail, Mom? Wirklich?«
»Was
hätte ich denn sonst -«
»Verdammt,
er liebt dich! Er liebt dich mehr als Dad es je getan hat. Und du … sagst ihm
so etwas in einer Mail. In der ich übrigens in Kopie gesetzt war.«
Ich stehe
auf von dem unbequemen Stuhl und gehe zum Fenster. Ich spüre, dass ich meine Mom
mit diesem Vorwurf verletzt habe. Sie sollte sich nicht aufregen, das weiß ich.
»Toni,
hör zu«, beginnt sie nach einer kleinen Weile und ich drehe mich wiederwillig
zu ihr um, »ich wusste nicht … ich konnte es ihm nicht sagen. Worte zu
schreiben ist so viel leichter, als derartiges auszusprechen.«
»Schon
mal dran gedacht, dass der einfachste Weg nicht immer der Richtige ist?«
Sie
seufzt leise.
»Wenn du
mir böse bist, weil ich es dir nicht gesagt habe, kann ich das verstehen.«
»Wirklich?«,
sagte ich laut, »kannst du das, Mom? Denn ich kann mich nicht erinnern, dass
deine Mutter dir verheimlicht hätte, dass sie sterben wird in weniger als einem
halben Jahr! Es ist einfach nicht fair!«
»Das
Leben ist selten fair, mein Schatz.«
Sie
klopfte neben sich auf das Bett und bedeutete mir mich hinzusetzten.
»Mom, ich
kann nicht. Noch nicht.«
Meine
Mutter kniff die Lippen zusammen.
»Okay …
es war schön, dich zu sehen, Toni.«
Es war auch schön, dich zu sehen, Mom.
Raus aus
dem Käfig.
Ich ging
die langen Flure entlang, vorbei an der Cafeteria, in der Jim und meine
Schwester noch immer saßen, hinaus ins Freie.
Auf dem
gepflasterten Platz vor dem Krankenhaus ist es sehr warm. Ich schaue mich um
und erblicke unser Auto.
Plötzlich
will ich nur noch weg von hier. Weg von Jim, weg von Melinda, weg von Mom.
Anstatt
Jim zu bitten zu fahren, mache ich wieder kehrt und laufe zielstrebig dem
Krankenhaus entgegen. Dort drin ist es kühl. Steril, aber kühl.
Die
langen Gänge sind bis ins unendliche verzweigt. Bis ich endlich das Meer sehen
kann und eine Tür finde, welche mich hinaus zu dem Stück Strand des
Krankenhauses führt, scheint eine Ewigkeit zu vergehen.
Der Sand
ist weich.
Mit
meinen Schuhen in den Händen gehe ich ein kleines Stück, bis ich schließlich zu
ein paar Steinen gelange.
Sie sind
sehr klein. Weich geschliffen von dem Meer.
Ich
stelle meine Schuhe in den Sand und lasse mich auf dem größten Stein nieder.
Welle um
Welle erreicht den Strand. Das Wasser ist türkisblau. Die Sonne wirft
glitzernde Punkte hinein, und der leichte Wind trägt den Salzigen Geschmack zu
mir herüber.
Wie lange
Jim wohl braucht, bis er mich hier findet, frage ich mich. Vermutlich nicht
sehr lang. Er wird Melinda bei meiner Mutter lassen, und zu erst zum Auto gehen.
Danach wird er an die Stelle am Strand gehen, wo wir vorhin saßen. Vielleicht
schaut er hier auch zuerst nach.
Ein paar Minuten vergingen, bis ich schließlich einen Entschluss fasste.
Ein paar Minuten vergingen, bis ich schließlich einen Entschluss fasste.
Mom
wollte mich hier haben. Sollte sie doch. Ich würde einfach das Beste daraus
machen, hier gefangen zu sein.
Ich stand
auf, griff mir meine Schuhe, und stapfte auf die Wellen zu.
Je näher
ich an sie heran trat, desto gieriger schienen sie zu werden. Gierig danach,
mich zu verschlingen.
Als ich Schwimmen gelernt hatte, war ich 7.
Als ich Schwimmen gelernt hatte, war ich 7.
Meine
Mutter hatte mich zu einem Schwimmkurs im Hallenbad angemeldet, hatte jedoch
nicht damit gerechnet, dass ich ein solches Theater veranstalten würde.
Ich
wollte um keinen Preis in das kalte Wasser springen. Als einzige blieb ich ängstlich
am Rand stehen, während alle anderen Kinder mit ihren Styropor-Gürteln und
Schwimmflügeln im Wasser vor sich hin dümpelten.
Meine
Mutter stellte sich zu mir und ergriff meine Hand.
»Bei drei
springst du, Toni. Dir kann nichts passieren.«
»Ich
springe nur, wenn du springst«, hatte ich gemurmelt.
»Ich kann
nicht Schatz. Ich werde hier bleiben und dir zusehen. Gut?«
Ich
schüttelte den Kopf.
Meine
Mutter seufzte und fing ganz langsam an zu zählen. Ich rührte mich nicht, auch
nicht, als sie die drei nannte und meine Hand los ließ.
»Früher
oder später wirst du ins Wasser müssen, Liebling.«, sagte sie ganz leise.
Ich
schüttelte bestimmt den Kopf.
Meine
Mutter atmete tief ein, doch ihr schienen die Argumente ausgegangen zu sein.
Mit einem
beherzten Stoß schubste sie mich plötzlich ein Stück, sodass ich ganz sanft in
das kalte Wasser fiel.
Unterwasser
machte ich die Augen auf. Alles war verschwommen, überhaupt nicht, wie ich es
gewohnt war. Ich fühlte mich seltsam. Schwerelos. Als ob ich mitten in der Luft
hängen würde, nur, dass ich nicht atmen konnte.
Blöd,
dass mir niemand gesagt hatte, dass ich wieder an die Oberfläche strampeln
musste, sobald ich im Wasser war.
Ein paar
Arme tauchten neben mir auf, und mit unsanftem Griff wurde ich aus dem Becken
gezerrt.
Ich
verstand damals noch nicht, wieso alle so einen Aufruhr verursachten. Inklusive
meiner Mutter, die sich panisch über mich gebeugt hatte, und sich selbst zu
beschimpfen schien.
Von da
an, durfte ich mir alle Zeit der Welt nehmen, wenn ich an der Reihe war ins Wasser
zu springen. Doch minutenlang dort am Rand zu stehen und in die Tiefe zu
starren hat es nicht wirklich besser gemacht. Denn je mehr man über Dinge
nachdenkt, vor denen man sich fürchtet, umso schlimmer erscheinen sie, und
irgendwann hat man den Moment ganz verpasst, wo man selbst an der Reihe war,
diese Furcht abzulegen.