Ja, Erwachsenenprobleme - wann habe ich angefangen, mich für sie zu interessieren? Wann haben sie beschlossen, dass es an der Zeit war, mir den Schlaf zu rauben, und mein Leben zu verkomplizieren?
Wann haben sie angefangen zu existieren?
War es, als Mom krank wurde?
Als wir erfuhren, dass es keine Heilung gab?
Ich seufze schwer und wende den Kopf nach rechts, um aus dem kleinen Guckloch zu schauen, welches ich in den Schmutz auf der Scheibe hinein gemalt habe.
Wir fahren eine kleine Straße entlang, gesäumt von Bäumen und Steinen, hinter denen sich der Strand mit dem Meer verbirgt.
Jim dreht kurz den Kopf um nach mir und meiner kleinen Schwester zu sehen, dann wendet er sich wieder nach vorn und sagt: »Wie kommt sie damit klar?«
Ich schnaube leise, und noch leiser füge ich hinzu: »Sie ist 12, was glaubst du?«
Ich weiß, dass ich unfair bin. Jim kann nichts dafür. Niemand kann etwas dafür. Aber es macht die Sache so viel leichter den Frust an irgendwem auszulassen – zur Not auch an demjenigen, der sich die letzten drei Jahre liebevoll um deine Familie gekümmert hat.
»Und wie kommst du damit klar, Toni?«
Er blickt mich durch den Rückspiegel hindurch an. Ich schaue immer noch aus dem Fenster, als ich sage: »Ich find’s beschissen.«
Es gibt denke ich einiges Fragen zu klären, oder?
Vielleicht fragt ihr euch, wo ich mich befinde, und wo ich bin?
Mein Name ist Toni, ich bin 15 Jahre alt, und Schülerin an einer Highschool in einer kleinen Stadt in Australien. Ich bin ein Mädchen mit einem Jungennamen, aber damit habe ich mich schon längst abgefunden. Meine langen dunklen Haare habe ich von meiner Mom, wie die hellblauen Augen. Meinen Charakter, so sagt man, hätte ich auch von meiner Mom.
Mit Glück habe ich nicht auch die Krankheit meiner Mom…
Und damit wären wir bei der Frage „wo“:
Ich sitze in einem Kleinwagen auf dem Weg zu einer Klinik – in Neuseeland. Gemeinsam mit meiner kleinen Schwester Melinda und unserem Stiefvater Jim besuchen wir meine Mutter.
Die Frage „warum“:
Meine Mutter hat Krebs. Vor knapp 4 Jahren kam die Diagnose – wie ein … Donnerschlag, würde ich sagen.
Keiner wagt es zu sagen, niemand will es sagen, aber dieser Sommer würde der letzte mit meiner Mom werden. Das weiß ich, das weiß meine Schwester, und auch meine Mom und Jim wissen es.
Ich glaube, sie wollte uns damit schützen, indem sie es uns nicht sagt, aber es ist nuneinmal wenig intelligent, mich bei wichtigen Mails in Kopie zu nehmen. Wenn ich ehrlich bin, hat es mich nicht einmal besonders überrascht, denn es war klar gewesen, schon allein an der Art wie sie uns anschaut, in den wenigen Momenten, wo sie uns zu Gesicht bekommt. Wie sie sich um uns kümmerte, sich sorgte – doch wozu?
Sie hat bereits vor drei Jahren angefangen Vorkehrungen für den schlimmsten Fall zu treffen, und jetzt, wo es feststeht, dass es ein für alle Mal vorbei ist, bekommt sie kalte Füße und beginnt sich zu fragen, 0b sie alles richtig gemacht hat.
Mir ist klar, dass sie Jim in erster Linie geheiratet hat, damit wir jemanden zum Anlehnen haben, weil wir bei ihr schon immer an erster Stelle gestanden haben. Aber sie hat ihn auch aus Liebe geheiratet, und das ist … mutig.
Meine Mutter hat sich getraut, zu lieben, mit einer tödlichen Krankheit. Sie hat sich getraut, auf etwas festes einzugehen, mit einer tödlichen Krankheit. Sie hat sich getraut, nach vorn zu schauen, und das Leben ein wenig mehr zu genießen, als es erlaubt ist.
Und genau das ist jetzt meine Aufgabe.
Lieben, nach vorn schauen, genießen.
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