Sonntag, 25. Dezember 2011

Prolog

Als wir die Diagnose bekamen, hatte ich die ganze Nacht geweint, ich erinnere mich noch, wie ich mitten in der Nacht zu meiner Mom ins Bett gekrabbelt war, weil ich bei ihr sein wollte.
Sie hat nicht geweint, zumindest nicht in meiner oder Melindas Nähe, obwohl sie Krebs bekommen hatte, was mir damals wirklich schlimm vorkam. Vermutlich dachte sie, dass wenigstens eine von uns stark sein musste … sie war unsere Stütze, obwohl es, denke ich, eigentlich andersrum hätte sein müssen.
Sie war diejenige, die uns immer wieder versicherte, alles würde gut, und bald schon wäre alles wie früher. Das sie gelogen hatte, konnten wir nicht wissen -  aber selbst wenn wir es gewusst hätten, wären uns diese Lügen lieber gewesen, als die Wahrheit. Denn wer will schon die Wahrheit hören, wenn sie dich in unendliche Trauer und Angst stürzt?
Alles was passierte, war, dass wir umzogen – von einer kleinen Stadt in Großbritannien an die Küste Australiens. „Alles aus gesundheitlichen Gründen“, hieß es damals, aber heute weiß ich, meine Mom ist nur dahin gezogen, weil sie jemanden brauchte, der sich um mich und Melinda kümmern würde, wenn …
In Australien blieben wir eine Weile. Mom hatte einen Mann kennengelernt, den sie bald darauf sogar heiratete – ob aus Liebe oder aus Angst, dass Melinda und ich alleine sein könnten, ich weiß es nicht.
Jim hieß der Mann, den sie heiratete. Er wurde zu unserem Stiefvater. Wir mochten ihn und kamen gut mit ihm aus.
Bis zu dem Moment, wo Mom weg war.
Sie ist nicht gestorben oder so. Sie hat uns auch nicht verlassen, jedenfalls nicht sitzen gelassen, falls du das jetzt denkst.
Nein, sie ist in eine Klinik in Neuseeland gegangen, wo sie gleichzeitig leben und behandelt werden konnte. Es war besser für sie, das wussten wir, aber zufrieden waren wir nicht. Wir brauchten unsere Mom, und auch wenn sie vorher immer in einem Krankenhaus gelegen hatte, so war sie näher gewesen, als in der Zeit, in der sie in der Klinik lebte. Wir konnten sie nicht mehr Mal ebenso besuchen, wie früher.
Jim hat uns mehr oder weniger allein groß gezogen. Doch ich glaube, dass Mom ihn damals vor der Hochzeit so etwas schon gesagt hat. Ich meine, dass so etwas passieren wird. Denn er hat seinen Job wirklich gut gemacht, mal abgesehen von den Start Schwierigkeiten.
Er besuchte jede Schulaufführung, bekochte uns, half bei den Hausaufgaben, putzte – als das, was Mom immer getan hatte.
Jim ist Architekt und ist deshalb immer zu hause. Sein Büro ist im ersten Stock unseres kleinen Hauses, was direkt am Strand liegt. Oft arbeitet er die Nacht durch, wenn er den Tag über so beschäftigt mit dem Haus und uns war, dass er einfach die Zeit vergessen hatte. Und dann kam es tatsächlich schon mal vor, dass er sich ein oder zwei Tage nicht viel blicken ließ, sondern in seinem Büro irgendwelche Grundrisse entwarf.
Ich kritisiere Jim nicht. Er war gut zu uns, er hat uns das gegeben, was Mom uns nicht geben konnte. Aber es war nicht dasselbe.
In der Schule wurden Melinda und ich zu Berühmtheiten, neben einem Jungen aus einer höheren Klasse, dessen Vater an Krebs gestorben war, waren wir die Hauptattraktion: die Schwestern mit der Todkranken Mutter.
Todkrank.
Meine Mom war nicht Todkrank, das haben wir immer gesagt.
Sie wird wieder gesund, das haben wir immer gesagt.
In ein bis zwei Jahren ist alles wie vorher, das haben wir immer gesagt.
Es hab aber auch unfreundlichere Benennungen in unserer Schule; einmal nannte mich ein Junge: „die Tochter der Leiche“, ein anderer: „Tochter der Glatzköpfigen“. Manche riefen mir auf den Gängen Sachen hinterher wie „Wann gehen dir die Haare aus?“ oder „Wie ist das Leben als Waise?“. Mit der Zeit lernt man, nicht auf so etwas zu hören, aber der Anfang, war am schwersten;
Als wir in die kleine Stadt an der Küste Australiens zogen, war meine Mutter bereits krank, und man sah es ihr an. Sie hatte keine Haare mehr, keine Wimpern, keine Augenbrauen. Sie war schwach, und dünn. Dort, wo wir lebten, kannte jeder jeden, so ging die Nachricht, eine Krebskranke sei hergezogen, und hatte ihre zwei Töchter mitgebracht, schnell umher, und machte auch vor meinen Mitschülern nicht halt. Einige zeigte ihr Mitgefühl, andere machten sich lustig. Die Sprüche häuften sich immer mehr, bis ich es irgendwann nicht mehr aushielt. Die Situation war mir damals ziemlich peinlich. Ich will nicht sagen, dass ich inzwischen stolz darauf bin, aber ich weiß, dass es nicht falsch war;
Micheal Cena stand in der Caféteriaschlange vor mir. Als er hörte, wer da hinter ihm mit jemandem sprach drehte er sich um und brachte einen seiner Sprüche: »Wenn deine Mom tot ist, setzt ihr ihr dann eine Perücke auf, und klebt ihr falsche Wimpern an? Macht euch nicht die Mühe! Sie wird auch dann noch wie ein Zombie aussehen. Ein Wunder, dass du es überhaupt mit ihr aushältst! Ich müsste jedes Mal kotzen, wenn sie mich ansieht!« Und bevor ich auch nur darüber nachgedacht hatte, was ich tat, schlug ich Michael ins Gesicht. Er schrie und bedeckte seine Nase mit den Händen. Blut spritze darunter hervor und tropfte auch auf seine weiße Uniform.
Später erfuhr ich, dass seine Nase gebrochen war.
Danach waren die Leute vorsichtiger, was die Sprüche über mich und meine Mom anging, und auch Melinda hatte weniger zu leiden.
Mittlerweile war etwas Zeit vergangen, und ich bin jetzt 15 Jahre alt. Mein Name ist Toni, was mehr Nachteile als Vorteile hat, denn ich bin ein Mädchen mit einem Jungennamen. Irgendwann hab ich mich damit abgefunden, es macht mir nichts aus, ich bin stolz auf meinen Namen.
Meine Schwester Melinda ist drei Jahre Jünger als ich.
Wir, das heißt Jim und ich, vermuteten, das Mom nicht mehr lang leben würde. Vor einem Jahr hatten die Ärzte ihr noch sechs Monate gegeben, von daher wussten wir alle, dass wir schon dankbar sein konnten, dass sie noch hier war.
Sie lebte immer noch in der Klinik in Neuseeland, doch dieser Sommer würde wohl ihr letzter dort sein. Deshalb wollte sie, dass meine kleine Schwester, Jim und ich zu Besuch zu ihr kamen.
Das bedeutete Zwei Monate Neuseeland zusammen mit meiner Mutter, so wie früher.
Noch konnten wir ja nicht wissen, das es ganz und gar nicht wie früher werden würde …

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