Weiße Wände, weißer Boden, weiße Menschen.
Alles weiß - und steril.
Der Wind, welcher die Salzige Luft vom Meer zu uns herüber weht, wird ausgeperrt aus dem großen weißen Käfig, sodass seine Insassen ja nicht auf allzu fröhliche Gedanken kommen.
Türen, die sich nur schwer öffnen lassen, unfreundliche und wiederum sehr freundliche Schwestern in farbiger OP-Kleidung.
Ein Krankenhaus, wie man es eben kennt.
Ich starre auf meine Füße. Die schwarzen kaputten Schuhe bilden den perfekten Kontrast zu dem weißen perfekten Boden.
»Toni?«
»Hmm«, mache ich nur und sitze weiterhin mit gesenktem Kopf da.
»Wieso will Mom, dass wir hier bleiben?«
»Weil sie uns liebt, Melinda«, murmelte ich.
Sie schweigt. Sobald meine Antwort nicht länger als ein Satz ist, gibt sie die Hoffnung auf, etwas gescheites aus mir herauszubekommen.
Ein kleiner Windzug geht durch den Flur, als eine Schwester die Tür links von mir öffnet und hastig an uns vorbei schreitet.
Ich hasse Krankenhäuser. Ich hasse sie, wie die Pest.
Sie erwecken Angst.
Als meine Mutter das erste Mal im Krankenhaus war, hatte ich Angst, dass sie nie wieder zurück nach Hause kommen würde, sondern auf ewig in diesem sterilen Käfig gefangen war. Irgendwie hatte ich damals recht.
Ein bisschen.
»Toni«, Jim geht vor mir in die Hocke und bemüht sich, mir in die Augen zu schauen.
»Toni«, wiederholt er.
Wir sind allein in demselben Flur, indem meine Schwester mich eben gefragt hat, wieso meine Mutter uns bei sich haben will.
»Es wird Zeit, dass wir uns ein bisschen unterhalten … deine Schwester ist gerade bei deiner Mutter. Wollen wir rausgehen? Kurz an die frische Luft?«
Keine Reaktion.
»Toni? Schau mich an«, er schluckt, »bitte.«
Ich kann den Schmerz fühlen.
Es ist ein altbekannter Schmerz. Wir alle kennen ihn, und wir tragen ihn in unserem Herzen, egal, wohin wir gehen.
Ich hebe den Kopf.
»Gut. Gehen wir.«
Draußen ist es sonnig. Ein leichter Wind geht und ich höre das Rauschen des Meeres.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beginnt er schließlich.
»Ich … ich glaube, wir hatten nie die Chance, uns wirklich kennen zu lernen. Wir leben gemeinsam in einem Haus, und wir essen jeden Tag zusammen. Aber ... «, er bricht ab.
Ich zögere, traue mich nicht, ihn zu unterbrechen. Er sucht die Worte.
»Toni, glaubst du, du würdest anders handeln, wenn das mit deiner Mom nicht wäre?«
Ich brauche ein wenig, um zu verstehen, was er meint. Ich lasse mich auf einem Stein nieder, und mache mich daran meine Turnschuhe auszuziehen.
»Ich weiß nicht.«, sage ich langsam, während ich die Socken in den rechten Schuh stopfte.
»Ich denke nicht. Denn … welchen Grund hätte ich? Was würde ich anders machen wollen?«
Jim antwortet nicht gleich. Er schaut auf das Meer, auf die Wellen, auf die Gischt.
Vor langer Zeit, als meine Mom noch gesund gewesen war, saß ich mit ihr zusammen an einem Strand, irgendwo im Süden Englands. Sie blickte einfach nur auf das Wasser, die ganze Zeit. Bis ich sie fragte, wieso sie nicht schwimmen wollte. Sie könne es nicht, da niemand es ihr gezeigt hatte, sagte sie. Sie hätte Angst, dass etwas passiere, was das Schöne am Meer kaputt machen würde. Sie wollte sich nicht fürchten müssen vor den mächtigen Wellen.
»Denkst du nicht, dass du zu wenig für dich lebst?«, reist er mich aus meinen Erinnerungen.
»Wie meinst du das?«
»Dass du zu sehr in der Krankheit deiner Mutter lebst, anstatt dein Leben zu genießen?«
Ich vergrabe meine Zehen im Sand.
»Falls es dir nicht aufgefallen sollte, meine Mom wird sterben, sehr, sehr bald – so lässt sich das Leben nur schwer genießen.«
»Ich weiß«, sagt Jim nur und wendet seinen Blick wieder dem Meer zu.
Nach einiger Zeit sage ich: »Du fragst dich, ob es für mich nicht an der Zeit wäre, weiterzumachen, oder? Freunde zu finden, verlieben, den ganzen Scheiß eben. Hab ich Recht?«
Er lacht und murmelt: »Na ja, verlieben vielleicht nicht gleich. Am Ende haust du mit irgendeinem Typen ab, und ich stehe alleine da. Ich bin immernoch für dich verantwortlich, Toni.«
Ich grinse.
»Ich denke, es ist Zeit, dass wir zu deiner Mom gehen, meinst du nicht?«
Der Weg bis zu der Tür, die mich von ihr trennt, ist das schlimmste.
Diese Angst.
Diese Ungewissheit.
Ist sie da?
Wenn nicht, was ist mit ihr?
Erkennt sie mich noch?
Kann ich mit ihr reden, und kann sie mich verstehen?
Jedes Mal, bis ich die Klinke runter drücke, und die Tür langsam öffne. Bis mir der Kopf meiner Mom entgegenleuchtet, mit dem breiten, aber sehr müden Lächeln unter den leuchtenden Augen. Bis sie sagt: »Hallo Toni, wie geht es dir?«, als wäre ich es, die krank ist, und nicht sie.
Heute ist es nicht anders.
Ich bringe es nicht über mich die Tür zu öffnen, und bitte Jim es zu tun.
»Hallo«, höre ich ihn sagen, »ich habe jemanden mitgebracht.«
Ich stecke den Kopf durch den Türspalt und gehe schließlich zögernd ins Zimmer.